Schwangerschaft und Missbrauchserfahrungen – eine Gedankensammlung

Heute möchte ich mich einem sehr unangenehmen Thema widmen, da ich (M.) in den letzten Wochen und Monaten doch oft getriggert wurde. Gelesen hatte ich ja, dass Missbrauchserfahrungen in der Schwangerschaft wieder hochkommen können und vieles auslösen können, überrascht hat es mich trotzdem mit welcher Wucht sie dann kamen.

Bei der mentalen Vorbereitung auf die anstehende Geburt habe ich gelernt, dass mein Gehirn eine sehr starke Leistung vollbringt, wenn ich von medizinischem Personal an Körperstellen berührt werde, die nicht die Arme oder Füße sind (das war mir vor der Schwangerschaft gar nicht bewusst): ich habe einen Adrenalinstoß, aber befinde mich mit meinen Gedanken außerhalb meines Körpers. So lässt sich das ganze bei respektvollem Personal echt gut aushalten. Nur für eine Geburt eignet sich diese Strategie natürlich nicht, da Adrenalin ja ein Wehenhemmer ist und ich mit meiner ganzen Konzentration bei meinem Körper sein möchte. Entsprechend ist mit der Hausgeburtshebamme abgesprochen, dass sie mich ausschließlich mit Vorwarnung berührt und alle Berührungen, die K. übernehmen kann auch von K. ausgeführt werden. Die einzigen Personen, die mich nämlich Adrenalin-frei berühren dürfen sind K. und Nr. 12.

Auch habe ich durch die Schwangerschaft gelernt, wie wenig nicht nur Kinderkörper sondern auch Schwangerenkörper respektiert werden. Viele Menschen versuchen ungefragt meinen Bauch zu berühren und verhalten sich so, als sei dies ihr Recht und als hätte ich kein Recht mehr an meinem Körper, weil da ein Baby drin wächst (welches auch einfach berührt werden darf). Das finde ich schon immer verwunderlich, aber jetzt triggert es bei mir ganz viele sehr traumatisierende Erinnerungen. Bisher hatte es niemand geschafft, mich einfach so zu berühren. Einer einzigen Person hatte ich erlaubt meinen Bauch zu berühren, da diese sehr sehr respektvoll gefragt hat und auch sehr respektvoll dem wachsenden Baby gegenüber war. Die Situation mit dieser Person war einfach stimmig. Gestern hat allerdings die eine Schwiegermutter einfach bei einer Abschiedsumarmung über meine Brust (wohl versehentlich) und meinen Bauch gestreichelt. Das war ganz ganz furchtbar und hat ganz schlimme Ohnmachtsgefühle ausgelöst. Keine Macht über den eigenen Körper zu haben ist echt schlimm für mich. Ich habe dann auch in der letzten Nacht nur sehr wenig geschlafen und hatte die ganze Zeit Missbrauchserinnerungen in Endlosschleife. Ich bin total gerädert und habe die ganze Nacht keine Strategie gefunden, die Bilder loslassen zu können. Verdrängen ging nicht (und ich weiß, dass das auch nicht sinnvoll ist), aber auch ein bewusstes Betrachten und „durchgehen“ hat kein Ende geschaffen. Erst der Wecker hat ein bisschen Ablenkung gebracht. Und dann habe ich erst mal in K.s Armen geweint. Es tat gut, vieles überhaupt einmal auszusprechen. Beispielsweise die eigenen Schuldgefühle, damals nicht mehr dagegen getan zu haben, mich nicht mehr gewehrt zu haben, nicht stärker gewesen zu sein; oder auch die Angst, dass „es ja gar nicht so schlimm war“ und ich mich „zu sehr anstelle“. Kognitiv ist mir klar, dass es keine Vergleiche geben sollte und dass Intimitäten ausschließlich mit Zustimmung ausgetauscht werden sollten und es nicht meine „Aufgabe“ ist, mich stärker zu wehren. Trotzdem existieren diese Gedanken und Gefühle und waren bis vor der Schwangerschaft sehr sehr gut im aller hintersten Gehirnstübchen verbarrikadiert.

Die Schwangerschaft zwingt mich dazu, mit all dieser Traumatisierung umzugehen und zeigt immer wieder Wege auf, sie zu verarbeiten. Das ist ein großer Gewinn aber echt anstrengend. Ich bin gespannt, was die Geburt selbst diesbezüglich noch für ein Finale bereit hält, oder ob ich nun endlich alles durch habe. Ich wünsche mir insgeheim, dass ich bei der Geburt meine „Ruhe“ vom Missbrauchsthema habe. Die Hebamme hat mich aber schon ganz sanft darauf vorbereitet, dass bei vielen schwangeren Personen während der Geburt Vergangenes verarbeitet wird. Zum Glück geht K. mit mir gemeinsam da durch. Die Geburt selbst erscheint mir (nach der letzten Nacht) nämlich wie ein Spaziergang dagegen.

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4 Gedanken zu “Schwangerschaft und Missbrauchserfahrungen – eine Gedankensammlung

  1. Ich weiß garnicht, was ich dazu schreiben soll… Ich wünsche dir ganz arg, dass deine Geburtserfahrung nicht überschattet wird von so schrecklichen Erinnerungen! Ich kenne diese Selbstzweifel aus eigener Erfahrung und auch von all den Frauen* mit denen ich im Kontext häuslicher Gewalt kennengelernt habe. Da hilft es auch nichts die wissenschaftlich viel erforschte Herkunft dieses Gefühls zu kennen. Es bleibt dennoch… Daher wünsche ich dir weiterhin viel Stärke den Horror durchzustehen! Ganz liebe Grüße!

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  2. Aus eigener Erfahrung kann ich dir sagen, dass eine selbstbestimmte Geburt ein sehr heilsames Erlebnis sein kann! (egal, ob zu Hause oder im Krankenhaus, oder ’normal‘ geboren oder Kaiserschnitt. Mit Selbstbestimmt meine ich, ganz wörtlich, über den eigenen Körper bestimmend) Eben weil du dabei in deinem Tempo und im Einklang mit deinem Körper arbeiten kannst und im Idealfall niemand über dich bestimmt. In der Übergangs Phase kann es passieren, so war es auch bei mir, etwas wie kontrollverlust zu empfinden, denn das Adrenalin was dann ausgeschüttet wird, kann Panik ähnliche Empfindungen auslösen. Mir hat geholfen, mich in der Phase daran zu erinnern, dass das jetzt ein biologisch notwendiger Prozess ist, der nichts mit meiner Vergangenheit zu tun hat, sondern im Gegenteil, bedeutet, dass diese Anstrengungen bald überstanden sind. Ganz bald ist das Baby da! Ich wünsche dir von Herzen, dass du bei Dir bleiben kannst und nichts und niemand dir dazwischen funkt! Und falls doch etwas mit hoch kommen sollte, dass du es schaffst, es ‚vorbei‘ ziehen zu lassen, ohne dass es Macht über dich hat. In meiner zweiten Schwangerschaft/Geburt habe ich übrigens ganz bewusst auf jegliche vaginale Untersuchung verzichtet! Das war so eine Erleichterung. Alles Gute euch…

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    • Vielen Dank für das Teilen deiner Erfahrungen! Vaginale Untersuchungen werde ich auch zu vermeiden versuchen und nur im absoluten Notfall zulassen (ist auch für zu Hause schon abgesprochen). Dein Kommentar macht mir Mut, dass es nicht so unberechenbar über mich herein brechen wird 🙂

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