Dem Burnout tief in die Augen geschaut

Ich (M.) habe im November 2017 den Punkt erreicht, an dem nichts mehr schön war und meine Gefühle unter einer dicken Watteschicht dahinwaberten. Mein Körper hat außerdem die Kooperation versagt und meinen Job als Lehrerin konnte ich nicht mehr in angemessenem Maße ausüben, weil ich keine Kraft mehr hatte. Das war eine sehr beängstigende Zeit, da ich gemerkt habe, was passiert, mich aber erstmal nicht daraus befreien konnte.

Ich wurde dann zum Glück für sechs Tage krank geschrieben (von meiner Hausärztin, die mich seit mehr als 20 Jahren kennt. Wegen drohenden Burnouts.) und wurde durch das Lesen von „Mindsight“ (von Siegel) an entscheidenden Stellen getriggert, die mir beim Verarbeiten alter und neuer Traumata geholfen haben. Ich bin seitdem immer noch hart an der Grenze zum ausgebrannt sein, aber ich habe wieder Oberwasser und weiß, wie ich mir helfen kann.

Die Ursachen sind vielfältig und wahrscheinlich nicht so einfach zu erklären. Ein entscheidender Punkt, der mich und meine Kolleg*innen ausbrennt, verheizt und kaputt macht, ist die Arbeitsatmosphäre, die unsere Schulleitung kreiert. Wir sind grundsätzlich an allem Schuld, werden bei Bedarf fallen gelassen wie eine heiße Kartoffel, teilweise wird gezielt nach Fehlern gesucht und Unterstützung bei der Umsetzung von Ideen für unsere sehr anspruchsvollen Schüler*innen gibt es grundsätzlich nicht, da ist die Devise „erstmal alles ablehnen“ und nur zustimmen, wenn ein außenwirksames Label oder ein Zeitungsbericht dabei herausspringt. Mich belastet es zusätzlich sehr, liebe Kolleginnen* in den Burnout verabschieden zu müssen und zusehen zu müssen, wie auch die anderen leiden und ihre Grenzen klar überschreiten. Wir arbeiten so sehr über dem Limit, dass regelmäßig eine*r von uns weint oder anderweitig zusammenbricht. Das habe ich so noch nie in einer Gruppe erlebt. Bei mir persönlich kommt noch hinzu, dass ich (auf mir unbekannte Weise) den Hass der Schulleitung auf mich gezogen habe, sodass ich zusätzliche Repressalien zu erdulden habe. Beispielsweise werden bei uns Klassenarbeitstermine von oben vorgegeben. Meine wurden dann alle hintereinander gepackt, kurz vor die Weihnachtsferien, vor denen alles fertig korrigiert sein musste. Das ist natürlich eine unerfüllbare Aufgabe und deshalb war ich zwei Tage krank zu Hause, um korrigieren zu können. Aber das ist auch nur ein Beispiel aus einer langen Reihe an „Maßnahmen“ gegen mich, die aber alle nicht für eine „Dienstaufsichtsbeschwerde“ reichen, weil sie mit „Verfahrensabläufen“ zu argumentieren sind.

Da ich als Beamtin nicht einfach die Arbeitsstelle wechseln kann, wenn ich in meinem (Traum)Beruf bleiben möchte, kann ich nur einen Versetzungsantrag stellen und auf baldige Wunscherfüllung hoffen. Da das allerdings mindestens die Hälfte des Kollegiums tut und nur alle zwei Jahre eine*r versetzt wird, sind die Chancen nicht die aller größten. Ich für mich habe deshalb beschlossen, mir Alternativen zu überlegen, damit ich mich nicht kaputt machen lassen muss.

Das Ergebnis meiner Überlegungen ist, dass ich wirklich sehr gerne Lehrerin bin und dies auch bleiben möchte, nur eben nicht zu den aktuellen Bedingungen; ich aber im Notfall kündigen werde und dann einen anderen Berufsweg wählen werde. Das bedeutet konkret, alle Pensionsansprüche zu verlieren und Geld auftreiben zu müssen, um eine Fortbildung oder Ausbildung bezahlen zu können. Interessieren würde mich die Sparte des „Personal Coachings“. Der Weg dorthin ist allerdings zeit- und auch kostenintensiv, sodass ich ihn beim aktuellen Pensum nicht nebenher starten kann. Beruhigend ist es allerdings, einen Plan zu haben.

Ein weiterer Faktor, der mich ausgebrannt hat, war die Tatsache, dass ich beschlossen hatte, alles zu schaffen. Sprich, den ganzen Haushalt, meinen Job, meinen Sport, und natürlich immer für unser Kind da zu sein. Dass das nicht möglich ist und es auch nicht sein muss, habe ich eingesehen und schaffe es jetzt auch, bewusst etwas nicht zu tun. Das ist für mich sehr schwer, weil ich immer das Gefühl hatte, nicht gut genug zu sein, wenn ich nicht alles schaffe, was ich mir vornehme. Es tut gut, jetzt bewusster entscheiden zu können.

Und ein letzter aber großer Brenn-Faktor war und ist die Beziehung zu meinen Eltern. Ich habe mit Hilfe von „Mindsight“ die frühen Kindheitstraumen identifiziert. Ich glaubte bis vor kurzem, dass in meiner Kindheit alles gut war und nur in meinen Teenagerjahren und dem folgenden Coming-Out seelische Narben entstanden sind. Nun weiß ich, dass der zeitweise, arbeitsbedingte Verlust meines Vaters – der meine Hauptbindungsperson war – tiefe Wunden hinterlassen hat, die zu echt blöden Verhaltensmustern und Ängsten geführt haben. Mein Vater musste gegen Ende meiner Kindergartenzeit und während ich in der ersten Klasse war, an einem anderen Ort arbeiten. Damals gab es noch keine Möglichkeit zu telefonieren und wir haben ihn nur alle zwei Wochen am Wochenende gesehen. Ich durfte als Kind darüber nicht trauern, da meine Mutter damit nicht umgehen konnte. Das war mir alles nicht bewusst und die Fakten dazu weiß ich auch erst seit kurzem, weil ich jetzt erst wusste, welche Fragen ich meiner Familie überhaupt stellen muss. Zudem sind meine Eltern nicht sehr gut darin, Gefühle auszudrücken und dadurch oft „ungreifbar“ für mich. Ich weiß nie, wie es ihnen emotional geht und weiß deshalb auch nie sicher, wie sie zu mir stehen. Ein konstanter und verlässlicher Faktor in meinem Leben ist allerdings meine Oma, die immer für mich da war und ist, sich auf Emotionen einlassen kann und mich als einziges Ursprungsfamilienmitglied nie verlassen hat.

Ich bin gespannt, wie der Weg weitergeht und wie ich es schaffe, wieder Spaß am Beruf und vor allem die nötige Kraft dazu zu bekommen. Ich bin optimistisch, dass sich eine Lösung findet, und sei es nur die kurzfristige „Auszeit“ durch Schwangerschaft und anschließende Elternzeit.

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11 Gedanken zu “Dem Burnout tief in die Augen geschaut

  1. Oh nein…
    Das klingt ja alles andere als schön. Ich habe mir erlich gesagt schon ein bisschen Gedanken gemacht um euch… Nun weiß ich, dass es berechtigt war.
    BurnOut ist eine schreckliche Krankheit, vor allem weil sie in unserer gesellschaft so individualisiert wird. Nicht du bist schul daran, sondern deine Arbeitssituation, die du nicht selbstständig ändern kannst. Wir sind alle in dieser „Dann-mach-Yoga-zur-Entspannung“-Mentalität Sozialisiert und glauben, wir seinen schuld, wenn es uns schlecht geht, denn die Anderen schaffen ja auch alles!… Und dann beginnt das Hamsterrad. Wir versuchen alles zu schaffen und viel zu spät merken wir, dass wir nur noch hinterher laufen und den Zug aber nie mehr erreichen werden… dann haben wir unsere eigene Handlungsfähigkeit verloren und die wiederzubekommen ist sehr sehr schwer. Ich möchte dir keine „Tipps“ geben, denn bei solch individuellen Themen, ist es unmöglich fast fremden Menschen auf diese Entfernung mehr als nur Plattitüden an den Kopf zu werfen. Ich finde es super, dass du gerade versuchst den Wurzeln des Übels auf den Grund zu gehen und dort ansetzt. Der wichtigste Mensch in deinem Leben musst nach wie vor du selbst sein, denn wenn du dir selbst nicht genug Achtung entgegen bringst, hast du nicht die Kraft für andere Menschen wichtig zu sein.
    Ich drücke dir ganz fest die Daumen für eine Versetzung, oder aber auch für einen alternativen Arbeitsweg!
    Liebe Grüße!

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      • Guten Morgen ihr drei 🙂
        Wenn ich das so genau fest machen könnte… Es war wohl eher ein „Gefühl“… Vor ca. einer Woche habe ich mir noch ganz konkret gedacht: Hm, jetzt haben die beiden schon länger nicht mehr geschrieben. Hoffentlich ist alles gut bei ihnen. Da stimmt was nicht…

        Wir alle hier sind erwachsene Menschen treffen unsere Entscheidungen (meistens) daher sehr fundiert. Ich finde es absolut schrecklich, dass Menschen in diesen Zustand gezwungen werden, aber das hilft dir in der konkreten Situation nicht weiter. Ich finde deine Überlegungen bezüglich Kündigung weder „mutig“, noch „doof“. Wenn es nur noch diesen einen Weg gibt, dann gibt es diesen und dann muss man diesen gehen, wenn der andere Weg ein „zugrundegehen“ wäre. Ich stand ja vor ca. einem halben Jahr vor einer ähnichen, wenn auch nicht ganz so krassen Entscheidung. Damals habe ich gekündigt, ohne andere Jobaussicht, einfach weil ich kein BurnOut erleiden wollte. Ich würde es immer wieder machen. Unser Leben führt uns immer wieder an tolle Orte. Wir müssen es nur zulassen und nicht auf Altes und Unbefriedigendes bestehen. Ich bin mir sicher, du gehst deinen Weg und dann wird er fundiert und wohl durchdacht sein, egal welche Option du wählst. 🙂 Ich denke an euch!

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  2. Beim Lesen deines Beitrags hatte ich einen ganz dicken Kloß im Hals. Was für eine Schande, was an deiner Schule abgeht, dass das ungestraft möglich ist… Ich finde es sehr stark von dir, durch die Lektüre dieses Buches schon so viel herausgefunden zu haben und an den elementarsten Punkten zu beginnen. Ich kann absolut nachvollziehen, wie schwierig dieses Dilemma ist, deinen Beamtenstatus nicht aufgeben, aber dennoch etwas ändern zu wollen, daher drücke ich dir die Daumen, dass sich eine Lösung findet.
    Fürs Erste wünsche ich dir sehr viel Kraft, die du (hoffentlich) aus deiner Frau und eurem Kind ziehen kannst. Höre gut auf dich, passt auf euch auf!

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  3. Dass msn unter solchen Umständen nicht mehr kann, ist völlig nachvollziehbar.
    Dennoch möchte ich hier dringend von ner Kündigung abraten! Von Beamtin zu Beamtin. Du hast die Konsequenzen ja schon angedeutet.. plus die Problematik der Krankenkasse usw.
    Dann geh lieber erstmal auf Rhea, bleib eun Halbjahr zuhause, mach ein Sabbatjahr oder Teilzeit. Wir haben so viele Rechte und Möglichkeiten und auch Versetzungen dürfen (bei uns zumindest) nur 3 mal zurückgestellt werden! Wende dich am besten an deinen Hauptpersonalrat und informiere dich. Solchen sadistischen Chefs muss man zeigen, dass man sich nicht alles klaglos gefallen lässt. Und wenn ihr euch als Kollegium einig seid, kann man da schon einiges
    erreichen!
    Sorry. Ich weiß das klingt für dich grad nach einer kaum zu stemmenden Aufgabe… aber du hast so viel tun müssen, um Beamtin/Lehrerin zu werden, das gibt man nicht einfach auf. 😘
    Ich hoffe du findest einen Weg Kraft zu schöpfen und dann für deine Zukunft zu kämpfen.
    Ganz liebe Grüße von Frau Zweistrich (diesmal als Personalrätin gesprochen 😊)

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    • Liebe Frau Einstrich, danke, dass du die Personalratssicht hier teilst, die habe ich in meinem Beitrag nicht erwähnt, finde sie aber wirklich wichtig!

      Ein Sabbatjahr und auch Teilzeit kommen für mich finanziell nicht in Frage. Alle anderen Optionen habe ich schon ausgeschöpft. Unsere Schulleitung hat eine ziemlich dicke Akte mit Beschwerden beim Hauptpersonalrat, aber die nächst höhere Stelle bewegt hier nichts. Und Versetzungen sind hier nur möglich, wenn am Wunschort eine Stelle frei wird.
      Eine Kündigung ist für mich die letzte mögliche Option, da ich damit Altersarmut und andere gravierende Nachteile in Kauf nehmen würde. Trotzdem möchte ich nur so lange im Beruf bleiben, wie das nicht mein Leben zerstört. Eine echt verzwickte Lage, aber ich hoffe sehr, dass ich zum neuen Schuljahr Glück habe und ab Sommer an einer anderen Schule neu starten und wieder Spaß am Beruf haben darf.

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  4. Puh..Ich kann nur erahnen wie sehr du durch die Umstände deiner Schulleitung und dem Drumherum leiden musst, dass du die Aufgabe des Beamtenstatus für dich ernsthaft in Erwägung ziehst. Möglicherweise bringt dir tatsächlich eine temporäre Lösung (Schwangerschaft und Elternzeit) ja erst mal die Luft die du brauchst. Ich wünsche dir sehr, dass du für dich und euch gute Wege findest, mittel – wie langfristige.🌻

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  5. Ich habe sehr mitgefühlt in Deinem Bericht. Das sind wirklich keine guten Bedingungen in Deinem Job. Ich finde es sehr toll, dass Du Deinen Job mit so viel Herzblut ausübst. Unsere Kinder brauchen solche Lehrer wie Dich. Ich hatte Glück beim Großen und wirklich jetzt 4 Jahre 2 super Klassenlehrerinnen. Wobei die für die 3-4 Klasse wirklich herausragend gut war. Sich immer Zeit genommen hat für Elterngespräche (ich gehe 2 mal im Jahr in die Schule, einfach weil ich in Kontakt bleiben möchte mit der Lehrerin) und auch ansonsten sehr gut umgehen konnte mit meinem Sohn. Ich habe aus den Gesprächen wichtigen Input für zu Hause mitgenommen. Dein Bericht schließt Problematiken ein im privaten Care-Bereich (Kindererziehung, Pflege von kranken Kindern, kranken Angehörigen) und im professionellen Care-Bereich (Lehrer/innen zählen neben anderen Berufsgruppen auch dazu). Ich werde daher Deinen Beitrag teilen auf Facebook auf meiner Seite Care-Arbeit ist Arbeit und auf Mama streikt auf Facebook. Euer Beruf ist schon anstrengend, finde ich. Mit bis zu 30 Schülern in einer Klasse ist es bewundernswert, wie Lehrer/innen damit klar kommen. Ich selbst komme aus der Erwachsenenbildung und weiß, was es bedeutet zu unterrichten. Jedoch könnte ich das mit Kindern gar nicht, alleine schon wegen der Lautstärke. Alles Gute und lass Dir Zeit um Kraft zu tanken. Nutze alle Möglichkeiten, die Du als Beamtin hast, denn unsere Kinder brauchen engagierte, gute Lehrer/innen.

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    • Vielen Dank für deinen wertschätzenden letzten Satz. Er hat mich berührt und auch noch mal ein bisschen ins Gedächtnis gerufen, wofür ich hier eigentlich kämpfe.
      Dass du den Beitrag teilst, ehrt mich sehr. Nur gemeinsam können wir die private und professionelle Care Arbeit sinnvoll verbinden. Im Fall Schule finde ich die Zusammenarbeit von Lehrpersonal, Lernenden und Eltern essentiell für alle Bereiche einer gesunden und gelungenen Entwicklung. Nur wenn ich als Lehrerin auch Einblicke ins Private haben kann (und umgekehrt), kann ich meine Arbeit an die einzelnen Kinder anpassen.

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  6. Ich kann das voll nachempfinden. Ich glaub so geht es einigen Kollegien.
    Es ist wie im einem Hamsterrad und man muss da irgendwie raus. Ansonsten macht es einen wirklich krank. Diese Erfahrung musste ich leider auch machen plus Faktor Alleinerziehend.

    Wünsche allen hier viel Kraft.

    Sonnige Grüße von einer Kollegin

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