Diskriminierung und schöne Erlebnisse

Letzte Woche musste ich (M.) mir auf der Arbeit von meiner Chefin* sagen lassen, dass ich „meine Lebensform nicht so vor mir hertragen“ solle. Das sagte sie mir, nachdem sie mir mitgeteilt hatte, dass sich wohl Schüler_innen und Eltern über meinen offenen Umgang mit „meiner Lebensform“ beschwert hatten. „Offen“ bedeutet bei mir übrigens, dass ich nicht lüge und auf Nachfrage natürlich erzähle, dass ich eine Frau und keinen Mann habe. Das sehe ich als selbstverständlich an und auch als wichtig für alle Schüler_innen, die dadurch hoffentlich erstens lernen, dass „diese Queers“ genauso sind wie „diese Heteros“ und zweitens, dass sie selbst glücklich sein können, egal wer sie sind und wen sie lieben. Es ist kein Geheimnis und damit auch kein Skandal – das ist jedenfalls die Botschaft, die ich damit vermitteln möchte.

Da ich Elternzeit genommen habe, wissen auch alle meine Lernenden, dass meine Frau und ich eine Tochter haben. Ich gehöre allerdings nicht zu den Lehrenden, die oft private Geschichten in den Unterricht einfließen lassen, um diesen anschaulicher und lebendiger zu machen. Das ist einfach nicht meine Art, finde ich aber auch nicht schlimm, wenn andere das machen. Jede*r soll schließlich authentisch sein.

Ich hätte mir von der Chefetage Unterstützung und ein klares Zeichen gegen Diskriminierung gewünscht. Stattdessen wurde mir unterschwellig mitgeteilt, dass ich erstens lügen soll über meinen Familienstand und zweitens meine homosexuelle Beziehung eine „Lebensform“ und damit eine freie Wahl sei. Unter „Lebensform“ verstehe ich etwas gewähltes, wie mit/ohne Kind, un/sportlicher Lebensstil, mit/ohne Party / Alkohol, Religion X/Y/Z… oder tausend andere Beispiele. In wen ich mich verliebe ist allerdings nicht Teil einer Wahl. Ebenso wenig, wie ich meine Haut- und Haarfarbe ausgewählt habe. Meine Kolleg*innen mit „heterosexueller Lebensform“ dürfen diese übrigens vor sich hertragen.

Positiv an der Geschichte ist eigentlich nur mein Kollegium, was hinter mir steht und mit mir geschockt ist. Das war Balsam auf meine geschockte Seele, denn diese Aussage hatte mir jegliches Sicherheitsgefühl genommen. Vorher fühlte ich mich nämlich an meiner Schule diesbezüglich halbwegs in einer sicheren Bubble. Nun wurde die zerstört und es hat mich ein paar Tage und viele Gespräche gekostet, bis ich mich wieder in allen Lebensbereichen (außer in Gegenwart der Chefs*) sicher fühlen konnte.

 

Am Wochenende wurde das in der Schule Erlebte bei einer Verpartnerung / Hochzeit wieder mehr als gut gemacht. Es verpartnerten sich nämlich zwei Bekannte (ich werde ihnen der Einfachheit halber hier erfundene Namen geben: nennen wir sie Simone und Jens), von denen er sich erst ca. vier Monate vor der Verpartnerung als Transmann geoutet hat. Jens musste also mit seinem weiblichen Ausweis eine eingetragene Lebenspartnerschaft eingehen. Ich war sehr gespannt auf den Standesbeamten* und wie er mit der Situation umgehen würde. Und ich muss sagen, ich bin noch immer gerührt und glücklich, dass es solche tollen Standesbeamten gibt. Jens wurde nämlich während der gesamten Zeremonie als Jens und „er“ angesprochen und musste sich lediglich an den drei Dokumentverlesungsstellen einen weiblichen Namen anhören. Der Standesbeamte war sehr sensibel mit dem Thema und hat Jens immer als Jens und in der entscheidenden Dokumentensituation mit einem Kopfnicken angesprochen.

Da Jens‘ familiäres Unterstützungssystem leider nicht funktioniert und er nur Simone hinter sich hat, hat es mich noch doppelt und dreifach gefreut, dass der große Tag tatsächlich auch ein schöner, fröhlicher und glücklicher Tag wurde! Ein Hoch auf den Respekt und die Empathie des Standesbeamten!!!

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6 Gedanken zu “Diskriminierung und schöne Erlebnisse

  1. Das ist ja echt unfassbar! Und auch echt unpädagogisch! Anstatt stolz darauf zu sein, dass die Mitarbeiter mit dafür sorgen, dass Schüler dieses Thema als ganz normal empfinden, kommt so eine Reaktion?!?
    Ich glaube ich würde da nochmal das Gespräch mit dem Chef suchen und fragen, was denn bitte das Problem ist und wo da die Toleranz bleibt, die den Schülern doch eigentlich vermittelt werden sollte.
    Wir leben in einem Land in dem es -zum Glück und auch irgendwie erschreckend, dass es SO LANGE gedauert hat, bis es endlich soweit war- egal ist, wen man liebt, es gibt endlich die Ehe für Alle und du sollst vor deinen Schülern lügen, weil dein Chef meint intolerant sein zu müssen?
    Echt unfassbar. Und ganz schön traurig…
    Wenigstens schön zu hören, dass deine Kollegen das immerhin ganz anders sehen!

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    • Da gibt es leider nix mehr zu reden. Es kommen dann nämlich nur Ausreden wie „ich bin doch nicht intolerant, das weißt du doch! Aber….“ Die berühmte Diskriminierung, die als Rückdiskriminierung meiner seits (ich unterstelle ihnen ja schließlich ganz unfaire Weise Intoleranz… *Ironie*) dargestellt wird oder wahlweise als „zu sensibel / alles auf die Goldwaage legend“ und „sei doch jetzt mal zufrieden mit dem, was du hast (Ehe für alle, Recht zu arbeiten, Recht zu leben…)“. Echte Gleichberechtigung sieht leider anders aus.
      Aber zum Glück habe ich ein bombastisches Team!

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  2. Das finde ich echt dreist von deinen Chefs. Ich hätte mal auf das Grundgesetz und die Menschenrechte verwiesen.. und in eurem Bildungsgesetz steht sicher auch was zu Toleranz. 🤔

    Außerdem ist es doch gut, wenn Kinder vielfältige Vorbilder haben!
    Demnächst müssen alle Lehrerinnen sportlich, schlank und blond sein, oder wie? 😤 weiter so! Lg

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    • Dankeschön! Das tut echt gut zu hören, da so leider nicht jede*r denkt. Übrigens bist du als Person in einer „Hetero“ – Beziehung meine stärkste Anwältin. Deshalb großen Dank für deine Worte und dass du Ähnliches sicher auch gegenüber deinen Schülis äußerst. 🙂

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      • Ich sage dir, ich hatte letzlich ne gruselig Diskussionen zu dem Thema. Die Herren meiner Erwachsenenklasse wollten partout nicht einsehen, dass Homosexualität keine Krankheit ist, die man heilen muss, und dass es auch nicht UNNATÜRLICH ist. Denn es kommt ja in der Natur vor… 🙈 furchtbar was manche so glauben.

        Und niemand WIRD homosexuell nur weil er solche Vorbilder/Lehrer hat… die Eltern sollten sich lieber Gedanken darüber machen, ob ihre Kinder mal glücklich werden!

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  3. Uff, mir gehen solche Aussagen echt ins Mark! Dass du das bei der Arbeit zu hören bekommen hast, ist wirklich ganz schön heftig. Aber gut, dass das Kollegium wenigstens nicht so tickt und dir Rückhalt gegeben hat.

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