Wer ist das Volk und was will es?

Seit geraumer Zeit schallt es montags wieder „Wir sind das Volk!“. Ein Ausruf, der die friedliche Revolution in der DDR geprägt hat und damals zum Ausdruck brachte, dass die „Herrschaft des Volkes“ durch die Obrigen missbraucht wurde und diese daran erinnern sollte, auf die wahren Bedürfnisse ihres „Volkes“ zu hören. „Das Volk“ fühlte sich 1989/90 von den Regierenden überhört, ungesehen, unbeachtet und angelogen. Das selbe Gefühl haben diejenigen, die aktuell unter dem Pegida-Banner zur Demonstration gehen. Aber sind sie auch „das Volk“? Vertreten sie die Mehrheitsmeinung?

Ich meine: nein! Aber sie sind sehr laut und klar im Äußern ihrer Meinung und der Rest von uns ist zu leise und unpräzise. Deshalb hier der Versuch zu beschreiben, was es gegen die Parolen von Pegida und AfD zu verteidigen gilt:

Die wichtigsten Schlagworte sind für mich: Demokratie, Grundrechte und Vielfalt.

Wie soll Demokratie aussehen, wo in den Augen vieler Pegida-Demonstrant*innen doch unsere aktuelle Demokratie voller Nachteile, Elitenherrschaft und Lügenpresse steckt? Ich denke, dass Demokratie auf der Einhaltung der Grundrechte ALLER Menschen fußt und die Mitbestimmung aller ermöglicht. Mitbestimmung bedeutet hier, dass sich jede* freiwillig in einer Partei oder sonstigen Vereinigung an der Gestaltung der Gesellschaft beteiligen darf, aber auch die Freiheit hat, dies nicht zu tun. Mitgestaltet werden kann vom Sportverein bis zur politischen Partei an vielen Orten. Und Mitgestaltung bedeutet manchmal ganz simpel das Leben und Pflegen von gewünschten Traditionen oder eben auch der Versuch diese zu verändern, indem andere Modelle gelebt werden. Die wichtige Rolle „der Demokratie“ ist an dieser Stelle, die Freiheit aller Modelle zu wahren, indem die Freiheit jedes Menschen nur bis zu der Grenze eines anderen reichen darf. Es darf also eine Frau freiwillig Hausfrau sein, ein Mann freiwillig mit einem Mann zusammenleben, eine Person freiwillig mit mehreren Personen zusammenleben, Menschen freiwillig Kinder haben oder darauf verzichten, Menschen religiös sein oder nicht-religiös sein, und so weiter, solange sie ihre Modelle nicht anderen aufzwingen möchten.

Demokratie bedeutet aber auch ständige Weiterentwicklung. Und Entwicklung braucht Kritik, die sachlich und am besten mit Alternativvorschlägen geäußert sowie gehört wird. Gegen die AfD-Parolen darf das „Argument“ nicht sein „Die sind voll rechts und sowieso dumm und haben Unrecht.“ oder ähnliches, denn das ist schlicht eine Gefühlsäußerung aber keine sachliche Kritik und schon gar kein Gegenentwurf.

Der Gegenentwurf sollte auf den Grund- und Menschenrechten und deren Ausbau fußen. Es ist wichtig, dass in Deutschland Minderheiten geschützt werden, denn jede Demokratie ist nur so gut wie ihr Minderheitenschutz. Es sollte uns wichtig sein, dass kein Mensch durch sein Anderssein seine Menschenrechte verlieren kann. Denn warum sind Homosexuelle, Sinti und Roma, Muslime, Menschen mit nicht-weißer Hautfarbe und viele mehr, weniger wertvolle Menschen als jene, die vermeintlich der hetero-weiß-christlich-Norm entsprechen? Möchten wir als Gesellschaft das Recht auf Asyl schützen, da die Welt eine Solidargemeinschaft ist, oder wollen wir es weiter einschränken, aus Angst vor Veränderung bzw. Wohlstandsverlust? Wollen wir die Gesellschaft offen für alle gestalten oder einander mit Hass begegnen? Diese Fragen habe ich für mich persönlich entschieden und gestalte beispielsweise durch einen Deutschkurs für eine Handvoll Syrer, durch öffentliche Sichtbarkeit meiner gleichgeschlechtlichen Lebenspartnerschaft und durch Stellungnahme gegen Minderheitenphobien in privaten Gesprächen die Zukunft mit. Können wir diese Fragen auch als Gesellschaft öffentlich und respektvoll ausdiskutieren und eine Richtung für unsere Demokratie beschließen? Wünschen würde ich es mir, denn ohne Demokratie und Menschenrechte sehe ich keine Zukunft für Minderheiten in Deutschland.

Da es viele Äußerungen seitens Pegida und AfD gibt, die meines Erachtens zu wenig sachlich diskutiert werden, möchte ich eine kleine Serie starten, wo ich in jedem Artikel ein paar Aussagen behandele.

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2 Gedanken zu “Wer ist das Volk und was will es?

  1. Das Problem an solchen Termini wie „westliche Werte“, „Abendländische Kultur“, „Wir sind das Volk“ und Ähnlichem ist, das Sie nicht definiert werden können, da es keine homogene Basis gibt und meiner Meinung nach auch nicht geben sollte. Jeder läd diese Begriffe mit der Intepretation seines eigenen Weltbildes auf und meint damit etwas anderes. Meine und vermutlich auch deine zutiefst liberale / libertäre Mentalität ist eine ganz andere Realität als die Realität derer, die sich ihr krudes, „rechtes“ Wertesüppchen aus Ballermann, Bier und Deutschtümelei zusammenbrauen. Hardcore-Christen werden unter abendländischer Kultur auch etwas ganz anderes verstehen, als aufgeklärte Humanisten.

    Ich finde hier fängt die Krux leider schon an. Mit AfDlern oder Pegidisten hat man, denke ich, dass gleiche Grundproblem wie mit religiösen Fundis: Ihr „Glaube“ imunisiert sie gegen Argumente.

    Was also kann oder soll man tun? Der Ansatz, meine Freiheit hört dort auf, wo Sie die Freiheit eines anderen einschränkt, wäre zwar schön, ist aber zu kurz Gedacht, da angreifbar: In dem Moment, wo ich mir einbilde, es würde meine Freiheit einschränken, wenn z.B. Du Sneakers trägst (doofes Beispiel), wrid das Paradoxon offenischtlich. Es muss also schon einen Kanon geben, was „echte“ Freiheiten sind, und was nicht. Und da ist wieder die Frage, wer bestimmt das? Ein schweres, aber interessantes und akutes Thema, denn Gesellschaften sind immer im Wandel.

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    • Ich stimme Dir zu. Es ist sehr schwer gegen die Argumente anzureden, die absolut sind und, wie du es formuliert hast, immun gegen Gegenargumente. Aber es zu versuchen und den Dialog zu starten bedeutet für mich, wenigstens ein paar Menschen davon abzuhalten, in die selbe Wertesuppe zu fallen wie aktuell diejenigen, die zu Pegida, der Demo für alle oder anderen gehen und bedeutet außerdem unser demokratisches Wertesystem neu zu justieren.
      Ich denke, der Kanon der „echten“ Freiheiten sollte auf den Menschenrechten basieren. Dort steht ganz klar geschrieben, dass beispielsweise Sneakers (das Beispiel ist gar nicht so doof sondern symbolisch neutral), die Liebe zur Partnerin* oder die Religionszugehörigkeit nicht die Freiheit eines anderen Menschen einschränken. Da dies aber nicht überall Anerkennung findet, sollten wir vielleicht mehr Aufklärung zu den Menschenrechten betreiben und vorallem darüber reden und ausdiskutieren, warum wir sie gut finden und warum sie jedem* von uns helfen, sowohl dem religiösen Fundamentalisten* als auch der lesbischen Humanistin*.

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