Welche Schublade darf es für Sie sein?!

Pünktlich zum neuen Jahr durften wir von einer Person aus unserem Umfeld lernen, dass es fünf Geschlechter gäbe. Unser erster Gedanke war: wow, voll aufgeklärt die Person. Aber dann kam folgender Inhalt: „Es gibt fünf Geschlechter: Männer, Frauen, weibliche Männer, burschikose Frauen und dann noch welche, die sich noch nicht für ein Geschlecht entschieden haben.“

Der Schock saß! Wir beide wurden in unserer Kindheit und Jugend als „burschikos“ bezeichnet, fühlen uns aber sehr wohl sehr weiblich. Weil die obige Aussage uns unser Frau-Sein abspricht, waren wir erst einmal sprachlos. Und weil es uns so beschäftigt hat, wollen wir hier kurz darauf eingehen:

In der zitierten Aussage wurden verschiedene Bereiche vermischt: die Kern-Geschlechtsidentität, Geschlechterrollen sowie die GeschlechtspartnerInnen-Orientierung.

Die Kern-Geschlechtsidentität ist die tief in uns verwurzelte Gewissheit, weiblich oder männlich oder irgendwo auf der Skala dazwischen zu sein. Bei den meisten Menschen passt diese Kern-Geschlechtsidentität zum Körper, das sind dann sogenannte Cis*-Frauen bzw. Cis-Männer. Dann gibt es wiederum auch Menschen, deren Kern-Geschlechtsidentität nicht zu ihrem Körper passt und die deshalb eine Angleichung der biologischen Hülle an ihre Kern-Geschlechtsidentität wünschen: Trans-Frauen bzw. Trans-Männer. Zwischen diesen beiden Polen aus männlich und weiblich gibt es Personen, die sich in ihrer Kern-Geschlechtsidentität nicht klar einem dieser Pole zuordnen. Sie werden unter anderem als genderqueer bezeichnet. Sie sind ebenso gefestigt in ihrer Kern-Geschlechtsidentität wie alle Personen, die sich als weiblich oder männlich identifizieren. Die Kern-Geschlechtsidentität ist bei allen Menschen unveränderlich und nicht frei wählbar.

Probleme durch die eigene Geschlechtsidentität ergeben sich für Individuen fast immer aus gesellschaftlichen Rollenverständnissen. Denn in jeder Menschengruppe gibt es klare Geschlechterrollen, nach denen Individuen eingeordnet werden. Was als besonders „weiblich“ oder „männlich“ gilt, ist von Gesellschaft zu Gesellschaft unterschiedlich. Probleme entstehen dann, wenn ein Individuum nicht diesem Rollenverständnis entspricht und somit die vorgefertigten Schubladen aus männlicher und weiblicher Rolle zu sprengen droht. Eine Variante diese Sprengung zu verhindern ist es, einen Mann in die „weiblich“ Schublade und eine (bspw. burschikose) Frau in die „männlich“ Schublade zu verfrachten. Damit ändert sich allerdings nicht die Kern-Geschlechtsidentität der einsortierten Personen, sondern sie entsprechen einfach nur nicht dem gängigen Geschlechterrollenbild. Noch schwieriger wird es für genderqueere Personen, denen entweder eines der beiden bipolaren Geschlechterlabels aufgedrückt wird, oder die einfach in die „verwirrt“ Schublade gesteckt werden, bis sie sich „endlich entscheiden was sie nun sein wollen“. Mit diesen falschen Kategorisierungen wird respektloserweise vielen Menschen ihre Kern-Geschlechtsidentität abgesprochen oder diese in Frage gestellt.

Mit den gängigen Geschlechterrollen geht auch eine Erwartung an die GeschlechtspartnerInnen-Orientierung einher. Als „normal“ wird oft ausschließlich die Heterosexualität betrachtet. Dabei gibt es so viele sexuelle Orientierungen darüber hinaus: Homosexualität (zwei Menschen, die sich in ihrer Kern-Geschlechtsidentität gleichen, interessieren sich sexuell füreinander), Bisexualität (Individuen interessieren sich sexuell sowohl für Kern-Geschlechtsidentitätsgleiche wie –verschiedene Personen), Asexualität** (Individuen interessieren sich nicht für sexuelle Kontakte, sehr wohl aber für emotionale Bindungen) und viele mehr. Wenn nun ein Mensch nicht den oder die gesellschaftlich gesehen „Richtige/n“ liebt, wird er*sie oft in die entgegengesetzte Geschlechterrolle uminterpretiert und ihm*ihr damit die Kern-Geschlechtsidentität abgesprochen. Denn schließlich können Frauen nur Männer lieben. Und natürlich auch nur einen, nicht mehrere. Liebt eine Frau eine Frau, oder mehrere Personen, oder abwechselnd bzw. gleichzeitig Männer und Frauen, oder eine intersexuelle Person (deren Körper nicht klar dem bipolaren männlich-weiblich Spektrum zuzuordnen ist), so kann sie nicht ganz „normal“ sein und „muss“ deshalb etwas anderes als eine „Frau“ sein.

Um zur „Fünf-Geschlechter-Spektrums-Weisheit“ zurückzukommen: zu sagen, es sei ein „Geschlecht“ ein ‚weiblicher Mann‘ bzw. eine ‚männliche Frau‘ zu sein, spricht Personen, die sich in ihrer Geschlechterrolle nicht dem Mainstream unterordnen, ihre Kern-Männlichkeit bzw. Kern-Weiblichkeit ab und diskriminiert sie schlicht im Ausdruck ihres Selbst. Personen, die transident oder genderqueer sind, als „unentschlossen“ zu bezeichnen, diskriminiert diese sowohl in ihrer Kern-Geschlechtsidentität als auch in ihrer gesellschaftlichen Rolle, die als inexistent deklariert werden.

Deshalb ein Appell an alle: Warum müssen wir andere, die uns nicht wehtun indem sie sie selbst sind, unbedingt in Schubladen stecken? Warum ist es wichtig, dass alle einem bestimmten Weiblichkeits- bzw. Männlichkeitsideal entsprechen? Lasst uns lieber leben und lieben sowie leben und lieben lassen.

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*Cisgender setzt sich zusammen aus dem lateinischen ‚cis‘ für „diesseits“ und dem englischen ‚gender‘ für „Geschlecht“ und bezeichnet das Gegenteil von Transgender, das sich aus dem lateinischen ‚trans‘ für „darüber hinaus / jenseitig“ und dem englischen ‚gender‘ für „Geschlecht“ zusammensetzt. Cis-Menschen sind also jene, deren Kern-Geschlechtsidentität mit ihrem körperlichen Geschlecht übereinstimmt. Den Begriff gibt es seit 1991 durch den Sexualwissenschaftler Volkmar Sigusch. Siehe zum Beispiel hier: „Katy Steinmetz; This Is What ‚Cisgender‘ Means. http://time.com/3636430/cisgender-definition/. 23.12.2014.“

**Zum Thema Asexualität siehe beispielsweise: „Alex Schneider; Asexualität. Ein Ass im Bett. http://www.zeit.de/community/2015-05/asexualitaet-beziehung-erfahrung. 13.05.2015.“

Die drei Begriffe Kern-Geschlechtsidentität, Geschlechterrollen sowie die GeschlechtspartnerInnen-Orientierung wurden frei nach ‚Udo Rauchfleisch; Mein Kind liebt anders. Ein Ratgeber für Eltern homosexueller Kinder. 2012.‘ wiedergegeben.

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