Empathie als Grundlage für Demokratie?!

Inwiefern trägt Empathiefähigkeit unsere Demokratie?

Mit dieser Frage habe ich mich auseinandergesetzt im Zuge der vielen öffentlichen Hass-Diskussionen im letzten Jahr. Ich wollte einfach wissen, inwiefern die beiden zusammenhängen sowie einen tieferen Einblick in die Psychologie der Empathie erhalten. Meine Ergebnisse versuche ich hier zusammenzufassen und freue mich auf eure Gedanken und Anmerkungen, um das Bild weiter zu vervollständigen.

Um genauer beurteilen zu können, inwiefern Empathiefähigkeit unsere Demokratie trägt, muss zuerst geklärt werden, wie der Begriff Empathie zu verstehen ist und was eigentlich eine Demokratie ausmacht:

Was ist Demokratie?

Seinem griechischen Wortstamm nach ist Demokratie eine „Volksherrschaft“; oder wie es Abraham Lincoln erklärte: „Government of the people, by the people, for the people.“ Die Schlüsselelemente zur Umsetzung einer Regierung vom, durch und für das Volk sind Menschenrechte und Gewaltenteilung in Verbindung mit

  • Wahlen
  • einem Rechtsstaat
  • der Existenz von Regierung UND Opposition
  • freien Medien (die als sogenannte „vierte Gewalt“ mit zur Kontrolle der Parlamente, der Regierungen und der Rechtsprechung beitragen)
  • Pluralismus aus frei gegründeten Interessengruppen und –verbänden, die sich in Konkurrenz um gesellschaftlichen Einfluss befinden sowie
  • politischer Bildung, die ein demokratisches Wertebewusstsein beinhaltet und zur Teilnahme an und damit zum Erhalt der Demokratie beiträgt.

Menschenrechte sind zentral, da sie die Voraussetzung für das Funktionieren einer Demokratie sind. Umgesetzt werden sie durch demokratische Regierungsformen, die an ein Recht gebunden sind. Für eine unabhängige Justiz wird wiederum Gewaltenteilung; also eine gegenseitige Kontrolle, damit nicht eine Institution die alleinige Macht inne hat; benötigt.

Daraus ergibt sich folgendes Dreieck:

Demokratie Dreieck

Demokratie ist also kein starres Gebilde, das für immer feststeht und auf ewig funktioniert, sondern ein Prozess, der immer von neuem am Laufen gehalten werden muss. Demokratische Regierungen sind unter anderem transparent, lassen Partizipation (Teilnahme) zu und handeln nach dem Prinzip der Verantwortlichkeit gegenüber allen Menschen.

Demokratie heißt nicht, alles wird vom Volk nach Mehrheit entschieden. Das wäre Tyrannei der Mehrheit. Vielmehr beruht eine Demokratie auf dem – oft anstrengenden – Prinzip der Kompromissfindung, sodass möglichst allen gedient ist, niemand verliert und damit die Würde jedes* Einzelnen gewahrt bleibt. Das bedeutet natürlich auch, dass wenigen zu 100% entsprochen werden kann, da dann andere zu 100% verlieren würden. Um dies zu vermeiden, ist Deutschland eine parlamentarische Demokratie, in der die gewählten Entscheidungsträger Kompromisse aushandeln, auf der Grundlage einer großen Sachkenntnis, die sich der Wahlbürger aus Zeitmangel nur selten zu einem Thema aneignen kann.

Sinngemäß nach:
Becker; Dr. Raveloson: Was ist Demokratie? Trier 2008.
http://www.bpb.de

Und was ist Empathie?

Empathie bezeichnet die Fähigkeit, sich in die Gedanken und Gefühle einer anderen Person hineinzuversetzen und diese stellvertretend nachempfinden zu können. Empathie besteht also aus zwei Teilen, dem kognitiven (verstandesmäßigen) Verstehen und dem affektiven (gefühlsbetonten) Nachempfinden der Emotionen eines anderen Lebewesens. Beeinflusst wird die Empathiefähigkeit eines Menschen zum Beispiel durch seine eigene emotionale Stabilität oder durch die empfundene Zuneigung zum Gegenüber. Die Grundlage für Empathie ist demnach eine offene Selbstwahrnehmung, die wiederum zu der Fähigkeit führt, Persönlichkeitsmerkmale, Gedanken, Gefühle und Motive anderer Personen zu erkennen und zu verstehen. Menschen, die empathiefähig sind, reagieren auf angemessene Art und Weise auf die Bedürfnisse und Gefühle ihrer Mitmenschen.

Eng verwandt mit dem Begriff Empathie ist die „Perspektivübernahme“. Wenn wir die Perspektive anderer einnehmen, versetzen wir uns in ihre Rolle. Wir haben die Fähigkeit, Gefühle wie Freude, Trauer, Ärger oder Angst bei unseren Interaktionspartner*innen zu identifizieren. Die Perspektivübernahme bedeutet allerdings nicht, die eigene Perspektive anderen zu unterstellen oder die eigene relevante Perspektive zu verleugnen, sondern vielmehr, die Perspektiven anderer als eigenständig anzuerkennen.

Der Begriff der Perspektivübernahme bündelt verschiedene Aspekte sozialer Wahrnehmung: Wir können beispielsweise die Gefühle anderer an ihrer Körperhaltung oder ihrem Gesichtsausdruck wahrnehmen; wir können uns über ihre Motive den Kopf zerbrechen, versuchen, ihre Strategien zu durchschauen, den nahezu unmöglichen Versuch unternehmen, ihre Gedanken zu lesen, ihren Standpunkt rekonstruieren oder ihre Interessen verstehen. Emotionale Perspektivübernahme, bei der Gefühle anderer gedanklich erschlossen werden, ist von Empathie zu unterscheiden. Bei der Empathie findet eine Form der Identifikation statt, während die Perspektivübernahme immer einen kognitiven (verstandesmäßigen) Vorgang unterstellt.

In der alltäglichen Interaktion ist Perspektivübernahme eine Fähigkeit, mit deren Hilfe Menschen kommunizieren. Denn wenn wir miteinander kommunizieren, haben wir keine Objekte vor uns, sondern andere Subjekte. Durch die Perspektivübernahme bringen wir zum Ausdruck, dass wir glauben, dass die jeweils andere Person oder die Personen eine jeweils eigene Perspektive hat oder haben. Für die Kommunikation ist es bedeutsam, die Perspektive anderer einzubeziehen und so ein Interpretationsverfahren zum Verstehen anderer Personen zur Verfügung zu haben.

Sinngemäß nach:
Batson, C. D., Duncan, B. D., Ackerman, P., Buckley, T., & Birch, K. (1981). Is empathic emotion a source of altruistic motivation? Journal Of Personality And Social Psychology, 40, 290-302.
Kenngott, Eva-Maria: Perspektivübernahme. Zwischen Moralphilosophie und Moralpädagogik. Wiesbaden 2012.

Warum ist es für eine Demokratie wichtig, dass sich Menschen in andere hineindenken können?

Die Frage ist nun, inwiefern eine Demokratie Empathie zum Fortbestand braucht. Da das demokratische Grundprinzip das des Kompromisses ist, und dieser durch eine Perspektivübernahme der Verhandlungsparteien untereinander möglich wird, erscheint es plausibel, dass die Fähigkeit der Perspektivübernahme eine Grundvoraussetzung für echte demokratische, faire, gleichberechtigte und die Menschenrechte achtende Kompromisse darstellt. Empathie dagegen, die emotionale Identifikation mit anderen Menschen, ist sicher hilfreich zur Wahrung der Rechte aller, aber keine zwingende Voraussetzung. Demokratische Repräsentanten, die der Perspektivübernahme nicht fähig sind, können insofern für eine Demokratie gefährlich werden, als sie die Belange von Minderheiten, denen sie selbst nicht angehören, missachten werden. Denn Belange von Minderheiten werden übergangen, wenn ihre Anliegen als unverständlich abgetan werden.

Mit dem Sinken von Minderheitenrechten, zum Beispiel durch Nicht-Beachtung ihrer Belange, nehmen nach und nach auch die Menschenrechte ab, da nicht alle Menschen vor dem Gesetz gleich sind. Selbstverständlich sollten Minderheitenrechte genau so weit gehen wie Mehrheitenrechte: bis zu der Grenze, wo ein anderes Individuum in seinen Menschenrechten eingeschränkt würde. Und niemand würde beispielsweise dadurch eingeschränkt, dass Schwule und Lesben heiraten dürften oder dadurch, dass es ein drittes Geschlecht im Personalausweis gäbe oder dadurch, dass jemand eine andere Religion ausübt, eine andere Sprache pflegt oder abseits der Mehrheitsmeinung argumentiert. Sehr wohl eingeschränkt werden Menschen, die nicht offen zu ihrer Liebe stehen dürfen oder aufgrund ihrer Hautfarbe bedroht werden oder sogar Probleme im Job haben, weil sie eines der wichtigen weiß-hetero-christlich-Merkmale nicht erfüllen.

Je mehr Menschen, die in einer Demokratie leben, empathisch sind, desto mehr Akzeptanz für die Vielfalt der Individuen in ihr wird es geben. Und in einer solchen Lebensumgebung wird die freie Entfaltung jeder Persönlichkeit gewahrt bleiben.

Wenn jedoch wenige Menschen empathisch sind und viele nicht der Perspektivübernahme fähig, dann wird diese Masse Volksvertreter wählen, die ähnlich wenige Fähigkeiten auf diesem Gebiet besitzen, sowie ihre Wahlentscheidung auf finanzieller Grundlage treffen und nicht zum Schutz von Minderheiten. Damit geht ein Teil der Menschenrechte und damit der Demokratie verloren. Außerdem wird so nicht Individualität sondern Assimilation gefördert, sodass eine vermeintliche Einheitsmeinung und ein einheitliches Bild des „richtigen“ Bürgers* entsteht. Damit sind Tür und Tor für Diskriminierung geöffnet.

Demnach lässt sich zusammenfassend feststellen, dass sich der Wert einer Demokratie an ihrem Umgang mit Minderheiten ablesen lässt, der direkt bedingt ist durch die Fähigkeit der Entscheidungsträger zu Empathie oder mindestens zur Perspektivübernahme.

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