„Verlust“ der christlichen Traditionen – happy Nikolaus

Sind wir drauf und dran unsere christlichen Traditionen zu verlieren? Ich würde sagen, die Antwort auf diese Frage ist ein glasklares JEIN. 😉

Denn erstens verlieren wir nichts, was wir bewahren möchten; solange es Menschen gibt, die eine Tradition aufrecht erhalten möchten. Eine Tradition ist erst dann obsolet, wenn niemand sie mehr lebt. Und die große Masse der Bevölkerung Deutschlands lebt die christlichen Feiertage, hat Religions- oder Ethikunterricht in der Schule und ist zumindest grob mit der „christlichen“ Nächstenliebe bekannt (die Ausführung derselben ist meines Erachtens allerdings oft mangelhaft).

Und zweitens stellt sich die Frage, um welche Tradition es in dieser Debatte denn eigentlich geht. Geht es darum, dass möglichst viele Menschen in unserem Lebensraum beispielsweise Weihnachten, Ostern, St. Martin und Nikolaus feiern? Denn viele Menschen tun dies, ohne jeglichen christlichen Gedanken dabei, sondern einfach des Feierns wegen. Schließlich ist es einfacher, einen Anlass zu haben, um ein Familien- bzw. Freundestreffen zu arrangieren, als wenn dies aus „freien Stücken“ gemacht werden müsste. Und somit ergibt sich die Frage, ob es um Feste und Rituale geht oder ob mit dem Begriff „Traditionen“ eigentlich gemeinsame Werte gemeint sind. Die gemeinsamen, europäischen Werte sind zum Beispiel persönliche Freiheit, Nächstenliebe, Gleichberechtigung, Solidargemeinschaft, Solidarität, Demokratie und Zivilcourage. Viele dieser Werte werden in anderen Religionen ebenso betont wie im Christentum und in nicht-europäischen Kulturkreisen genauso mit Leben gefüllt wie in Europa. Wenn nun Flüchtlinge nach Deutschland kommen, bringen sie einen Teil dieser Werte bereits mit und treffen auf Menschen, die selbst nur einen Teil dieser Werte leben. Denn einige Mitbürger müssen sich die Kritik gefallen lassen, dass sie ebenjene „christliche“ Traditionen nicht mehr befolgen, da sie voll Hass alle Nicht-Christen, Nicht-Weißen und Nicht-Heteros zu bösen Monstern stilisieren, ihnen die Menschlichkeit absprechen und damit begründen, sie „loswerden“ zu wollen.

Oder geht es darum, Altbekanntes zu bewahren und Veränderungen zu vermeiden? Schließlich ist es sehr anstrengend mit Veränderung umzugehen. Das hören wir alle oft in Aussagen wie „früher war alles besser“, womit der*die Sprecher*in zum Ausdruck bringen möchte, dass er*sie mit den stattgefundenen Veränderungen nicht zurechtkommt. Irgendwo im Prozess der Veränderung wurde besagte*r Sprecher*in also nicht mitgenommen. Er*sie gehörte demnach nicht der Gruppe der Aushandelnden an und muss nun damit leben, dass sich die Gesellschaft um ihn*sie herum anders verhält als er*sie selbst. Somit fühlt diese Person sich plötzlich in der Minderheit und fühlt sich in der vermeintlich ausgegrenzten Rolle unwohl. Minderheiten haben oft das Gefühl, weniger Macht zu besitzen und in ihren Wünschen unterdrückt zu werden, sodass sie versuchen Macht zurück zu gewinnen. So auch die Minderheit der „christlichen Bewahrer“, die ihrerseits versuchen eine andere Minderheitengruppe so zu diffamieren, dass sie „unter“ ihnen steht und sie somit das Gefühl haben, wieder etwas mehr Macht und Einfluss zu besitzen. Ihr eigentliches Problem, nämlich die Veränderung der Mehrheitsgesellschaft hin zu einer weltoffenen, glaubensunabhängigen, vielfältigen Gemeinschaft können sie so allerdings nur bedingt umkehren. Zudem lässt sich „Machtbesitz“ in einer Demokratie nicht als Kuchen darstellen, von dem eine Gruppe der anderen etwas wegnehmen kann, sodass die eine Seite an Macht gewinnt und die andere gleichzeitig dieselbe verliert. Im Gegenteil, eine demokratische Gemeinschaft wird gestärkt, wenn möglichst vielen Menschen möglichst viele Rechte eingeräumt werden und niemand ausgegrenzt wird.

Die nächste Frage ist, was sich denn eigentlich hinter dem Begriff „christliche Tradition“ verbirgt und inwiefern diese Tradition sich von anderen abgrenzt. Zuerst einmal kann „christlich“ unterschiedlich interpretiert werden. Nämlich einerseits als nächstenliebende, gütige und selbstlose Verhaltensweise gegenüber allen Mitmenschen – ganz im Sinne Jesus. Auf der anderen Seite, kann „christlich“ aber auch als „einzig wahr“ und sich von nicht-christlichen Menschen abgrenzend verstanden werden. In diesem Interpretationszweig sind die Rollen von Gut und Böse einfach auszumachen und jeglicher gesellschaftlicher Fortschritt und die damit verbundene Veränderung von Tradition zu verteufeln.

„Christlich“ könnte allerdings auch als „abendländisch“ interpretiert werden, und damit der Diskussion eine politisch-gesellschaftliche Dimension verschaffen. Was macht die abendländischen Gesellschaften aus? Sie haben sich über ein dunkles Zeitalter von Kreuzzügen, Unterdrückung und Krieg, sowie in der jüngsten Geschichte hin zur Idee der Demokratie entwickelt. Und die Grundlage von Demokratie ist die Wahrung der Menschenrechte. Nun würde die Umbenennung eines Weihnachtsmarktes in Wintermarkt oder des St. Martins-Umzugs in Laternenumzug nicht die Religionsfreiheit einschränken, da die Entscheidung eine marktwirtschaftliche ist, die nicht getroffen würde, gäbe es nicht genügend Abnehmer*innen für Wintermärkte und Laternenumzüge. Gleichermaßen würde durch die Trennung von Religion und Staat, indem zum Beispiel in der Schule alle Religionen gleich behandelt würden und niemandem ein religiöses Fest aufgezwungen würde, die Religionsfreiheit gestärkt, da so der Respekt vor religiösen Minderheiten zum Ausdruck kommt. Das gleichberechtigte Austauschen über verschiedene Religionen führt meist zu einer Festigung der eigenen Religion und einer Akzeptanz statt Bekämpfung anderer Religionen, da eine klare aber angstfreie Abgrenzung möglich wird.

Die Angst vor Veränderung, die radikale „christliche Traditionsbewahrer“ oft in sich tragen, führt zu Hass gegen all jene, die nicht dem bekannten weiß-hetero-christlich-Ideal entsprechen. Diesem Hass gilt es, auch aus christlichem Gedanken heraus, entgegenzutreten und ihn nicht die Oberhand gewinnen zu lassen, da wir sonst bald wieder in einem menschenrechtsarmen Zeitalter ankommen. Den hasserfüllten Stimmen nicht das letzte Wort zu überlassen, bedeutet aber auch, den Verängstigten zuzuhören und sich ihrer Sorgen anzunehmen.

In diesem Sinne allen Nicht-Nikoläusen sowie all jenen, die gern mit ihren Lieben Nikolaus feiern, einen schönen Tag! 🙂

 Nikolausmütze Regenbogen

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