Single stories – Vorurteile und Gegenmaßnahmen

In „The danger of a single story“ erläutert Chimamanda Ngozi Adichie eindrucksvoll, wie es zu Vorurteilen gegenüber sozialen Gruppen kommt, die nicht der eigenen entsprechen. Durch ein einzelnes Erlebnis, in Form einer Geschichte oder eines persönlichen Kontakts, formt sich oft eine Meinung über alle Menschen, die einer der sozialen Gruppen angehören, der auch die Person aus der Einzelgeschichte angehört. So trinken beispielsweise Menschen mit osteuropäischem Akzent alle Wodka, sind alle Personen mit nicht-weißer Hautfarbe Ausländer, sind alle Menschen mit Migrationshintergrund streng religiös und intolerant, sind alle Schwulen sehr

„weiblich“ in ihrem Ausdruck und alle Frauen mit kurzen Haaren sind Lesben. Diese Liste ließe sich beliebig lang fortführen und ist natürlich dadurch zu „beweisen“, dass „man das doch immer wieder so sieht / erlebt“.

Woher kommen Vorurteile und was sind Vorurteile?

Vorurteile und Stereotype sind dadurch zu unterscheiden, dass Stereotype sozial-geteilte, gemeinsame Überzeugungen innerhalb einer sozialen Gruppe oder Kultur über Attribute, Eigenschaften und Verhalten von Mitgliedern anderer sozialer Gruppen oder Kulturen sind; und Vorurteile sind dagegen eine positive oder negative Bewertung einer sozialen Gruppe und ihrer Mitglieder, die sich auf die attribuierten Eigenschaften, Emotionen und Informationen über das Gruppenverhalten stützen. Sie sind also weniger beschreibend als vielmehr wertend.

Als Stereotype sind beispielsweise oben genannte Beispiele einzuordnen. (Altbekannte) Vorurteile dagegen wären: Homosexuelle können keine dauerhaften Bindungen eingehen und möchten jederzeit mit jeder*m Geschlechtsverkehr haben; oder: die Personen der Gruppe X sind weniger intelligent, als jene der eigenen sozialen Gruppe.

Vorurteile und Stereotype kommen nach Frau Adichies Erläuterungen daher, dass über soziale Gruppen oft nur eine einzelne Geschichte bekannt ist. So werden negative Erlebnisse beispielsweise öfter geteilt als positive und so entsteht ein negatives Bild der besagten Menschengruppe. Dass diese Menschengruppe aus lauter Individuen besteht, die ebenso vielfältig und besonders sind wie die eigene soziale Gruppe, wird aus Mangel an Kontakt negiert.

Was tun gegen Vorurteile?

Um dieser „single story“ entgegen zu wirken bedarf es zweierlei Dinge: erstens müssen weitere Geschichten hinzugefügt werden und zweitens muss jede*r bei sich selbst aktiv die bestehenden „single stories“ aufzulösen versuchen, um mit gutem Beispiel voran zu gehen.

Weitere Geschichten hinzufügen können wir in unserem Fall alle mit Sichtbarkeit unserer homosexuellen Beziehungen bzw. unserer Regenbogenfamilien. Wir müssen also nur wir selbst sein in der Öffentlichkeit und schon schreiben wir bei einigen Menschen um uns herum neue Geschichten ins Gedächtnis. Und jede*r von uns muss damit anfangen, dann sind wir vielleicht zuerst die „single story“ in unserer Umgebung, sorgen aber mit unserem Anfang dafür, dass andere folgen werden und die Geschichte erweitern. Wenn wir darauf warten, dass andere den Anfang machen, dann warten wir lange, und es existiert weiter nur die Klischee-single-story aus dem Fernsehen.

Außerdem ist es meiner Meinung nach aktuell besonders wichtig sichtbar zu sein, um alle diejenigen, die gerade aufgrund von sozialen Ängsten in die rechte Ecke abzurutschen drohen, daran zu erinnern, dass sie mit diesem Abrutschen UNS – ihre Nachbarn, FreundInnen, Familienmitglieder, KollegInnen – in die Vertreibung jagen werden, da wir, von rechts betrachtet, einer nicht-geduldeten Minderheit angehören.

Die „single story“ zu erweitern funktioniert aber nicht nur über Sichtbarkeit, sondern auch über den Multiplikatoreffekt. Sprich, wer von uns erzählt, wie wir wirklich sind, indem er*sie beispielsweise davon erzählt, dass das befreundete lesbische Paar gerade seinen Kinderwunsch erfüllt und ein Haus kauft oder das verwandte schwule Paar mit seiner Tochter gerade einen Urlaub gebucht hat und das Fitnessstudio wechselt. Es ist schön, verteidigt zu werden, auch in vermeintlicher Abwesenheit. Und es ist genauso schön und wichtig, wenn neue Geschichten in die Gedächtnisse geschrieben werden, sodass beispielsweise homosexuelle Paare etwas greifbarer und menschlicher werden und nicht nur aus einem Vorurteilsbild bestehen.

Unsere eigenen „single stories“ aktiv auflösen

Zweitens müssen wir alle an uns selbst arbeiten, denn wir alle haben unsere eigenen „single stories“ von bestimmten Bevölkerungsgruppen. Wenn wir uns das bewusst machen, können wir nach zusätzlichen, neuen Geschichten suchen und unseren Horizont erweitern.

Bei mir war es beispielsweise während des Coming-Out-Prozesses so, dass ich furchtbar wütend war auf alle „Klischee-Lesben“, da ich glaubte, mich ihretwegen ständig gegen böse Vorurteile wehren zu müssen. Aber die Klischee-Lesben mit kurzen Haaren, „männlicherer“ Kleidung und sportlicher Figur können nichts für die Vorurteile, die aus ihrem Auftreten entstehen. Denn erstens haben sie das absolute Recht auf ihre Individualität und sollten sich genauso wenig wie jeder andere Mensch auf der Erde verstellen müssen, und zweitens können sie nichts dafür, dass ich nicht selbst das Klischeebild mit meiner eigenen Sichtbarkeit erweitert hatte. Als ich verstanden hatte, dass ich selbst einer „single story“ aufgesessen war, musste ich mich nicht mehr gegen Klischees verteidigen und habe meine eigene Sexualität akzeptieren können, da die Vorurteile gegen mich selbst, die innere Homophobie, überwunden war und mein Blick für die große Vielfalt unter „den Lesben“ geöffnet war.

Ein weiteres Beispiel aus eigener Erfahrung ist der Umgang mit Personen mit osteuropäischem Migrationshintergrund. Lange habe ich sie alle pauschal in die homophobe Ecke abgestempelt. Dann habe ich irgendwann festgestellt, dass ich – mir unbekannte – Individuen vorverurteilte und versuche seitdem wieder aktiv einfach alle Menschen zuerst persönlich kennenzulernen. Das ist natürlich auch viel spannender!

Ich glaube, dass wir alle ab und an den Fokus verlieren und in den doch viel bequemeren vorgefertigten Vorurteilsschienen denken. Trotzdem glaube ich fest daran, dass wir alle stark genug sind, uns die Gefahr der „single story“ immer wieder bewusst zu machen und gegen zu steuern.

Was denkt ihr dazu?

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