Leben in der Warteschleife

Heute möchte ich (K.) über unser Leben im Zusammenhang mit unserem ersten Embryotransfer schreiben.

Wie schon in einigen anderen Beiträgen beschrieben, waren wir aufgrund unseres guten Gesundheitszustandes und unseres zum Kinder bekommen eigentlich optimalen Alters sehr zuversichtlich, dass es direkt mit einer Schwangerschaft klappen würde. Auch wenn wir natürlich vorher wussten, dass es keine Garantie gibt, hatten wir einfach ein richtig gutes Gefühl, weil bei den ersten Teilen unserer Behandlung (der Follikelstimulation und der Kultivierung der Embryonen) auch alles reibungslos und sogar besser als erwartet gelaufen ist.

Immer wieder Neues

Während und nach der Hormonbehandlung zur Eizellenentnahme gab es ständig Action. Zuerst die Aufregung mit den Spritzen, dann die Reise nach Barcelona, wo bei jedem Termin in der Klinik aufs Neue spannend war, wie sich unsere Follikel weiterentwickelt haben, wie die Medikation weiter geht und wann unsere Punktionen stattfinden. Als wir danach wieder zu Hause waren, konnten wir bei der Entwicklung unserer Embryonen mitfiebern, die wir im EmbryoScope beobachten konnten. Als klar war, wie viele es bis zum Blastozystenstadium geschafft hatten, ging es auch schon los mit dem ersten Transferzyklus und damit für mich wieder mit Medikamenten, deren Anwendung uns beiden neu und erstmal spannend war. Der Transfer selbst war dann natürlich die Krönung der ganzen Aufregung. Kaum zu glauben, dass ich tatsächlich jetzt einen dieser lebendigen Blastozysten in mir hatte.

Schwanger?

Nach dem Transfer haben wir uns voll und ganz darauf eingestellt, dass ich jetzt schwanger bin, dass wir bald ein Kind bekommen und dass sich unser Leben jetzt völlig verändern wird. Obwohl wir praktisch schon wieder mitten im Alltag waren, war nichts mehr wie vorher. Ob bei der Arbeit oder in der Freizeit, in jedem Moment war das Thema Schwangerschaft präsent. Ich habe sogar schon gerechnet, wann meine Mutterschutzzeit anfangen würde und was zu der Zeit absehbar gerade auf meiner Arbeit los sein wird.

Nicht schwanger…

Nach sich wie Kaugummi ziehenden 12 Tagen gab es dann die Gewissheit, dass es nicht geklappt hat. Wir waren natürlich sehr enttäuscht, aber dank der Gespräche miteinander haben wir es relativ schnell verarbeitet und waren uns einig, dass wir es so schnell wie möglich wieder versuchen wollen. Das hieß erstmal wieder warten, da wir erstens nicht wussten, wann wir aus medizinischer Sicht wieder einen Transfer durchführen könnten, und zweitens im direkt darauffolgenden Zyklus ein Trip nach Barcelona für uns beide beruflich nur sehr schwer realisierbar gewesen wäre.

Alles wie vorher

Auf einen Schlag gab es also erstmal keine aufregenden neuen Dinge mehr, nichts zum unmittelbar darauf hin fiebern, kurzum: Nach über acht Wochen Aufregung plötzlich wieder Alltag wie vor dem Anfang der Behandlung, als ob nichts gewesen sei. Für mich war es erstmal sehr schwierig, mich da wieder hinein zu finden und meinen Fokus wieder auf die vorher wichtigen Dinge zu richten, da er wie gesagt die zwei Monate zuvor fast ausschließlich auf den Themen Schwangerschaft und Kind lag. Meiner Frau fiel das Ganze etwas leichter, weil sie durch einen Jobwechsel viele neue Menschen kennengelernt und neue Dinge erlebt hat, sodass bei ihr nicht dieses gedankliche Vakuum entstand, das bei mir erstmal wieder gefüllt werden musste. Es fühlte sich an wie Stillstand im Leben, weil wir uns doch so bereit gefühlt hatten für die Veränderung, und nun plötzlich das ‚alte‘ Leben erstmal wieder weiter gehen sollte.

Dank der Gespräche mit meiner Frau und auch mit meinen Eltern, die zum Glück über alles Bescheid wussten, ist es mir mittlerweile gelungen, wieder in meinem Alltag anzukommen. Es fühlt sich nun nicht mehr an wie Stillstand im Leben, weil ich nun verinnerlicht habe, dass diese Veränderungen nicht zu planen sind. Mein/unser Leben geht weiter wie zuvor, nur sind wir um einige Erfahrungen reicher. Ich bin wieder offen für das Glück, das mir täglich begegnet, vor allem mit meiner Frau, und finde wieder Spaß bei der Arbeit und beim Sport oder Treffen mit Freunden und Familie in der Freizeit. All das war mir irgendwie abhanden gekommen, was ich ehrlich gesagt erschreckend finde.

Gegenwart und Zukunft

Wir können nicht abschätzen, wie sehr sich unser Leben mit Kind tatsächlich verändern wird. Mit Sicherheit wird es anders als wir es uns jetzt vorstellen. Aber egal inwiefern und wie sehr es sich verändert, wir werden es annehmen und uns zusammen daran weiter entwickeln. Im Moment können wir nichts tun außer unser derzeitiges Leben anzunehmen, zu genießen und zu leben. Obwohl wir uns bereit fühlen für die Veränderungen, gibt es keine Garantie, wann (und ob überhaupt) sie eintreten werden. Ich glaube, so ein ‚Leben im Wartezustand‘ macht unglücklich und verschwendet Lebenszeit, für die es viel schönere Beschäftigungsmöglichkeiten gibt.

Seit mir das klar ist, bin ich wieder in der Lage, die vielen schönen kleinen Dinge des Lebens zu sehen und zu erleben. In Bezug auf unseren nächsten Embryonentransfer habe ich das Gefühl, viel entspannter an die Sache ran zu gehen. Wir können nicht beeinflussen, ob es beim nächsten Versuch klappt oder nicht. Es gibt keine Garantie, dass es jemals klappt, trotzdem hoffen wir natürlich auf (möglichst baldigen) Erfolg. Ich denke, wir werden es beim nächsten Mal schaffen, entspannter zu sein und den anderen Dingen des Lebens weiterhin Platz in unseren Gedanken und Gefühlen einzuräumen. Für die Planung des Lebens mit Kind gibt es schließlich während der Schwangerschaft noch genug Zeit, und da wir uns sowieso mit Sicherheit nicht alles vorstellen können, was auf uns zu kommt, lassen wir es jetzt erstmal auf uns zu kommen. Vielleicht ist es am Ende genau diese größere Gelassenheit, die dazu führt, dass es irgendwann klappt.

Was denkt ihr dazu, könnt ihr diese Gefühle verstehen oder habt vielleicht ähnliches erlebt?

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Ein Gedanke zu “Leben in der Warteschleife

  1. Das ist ein richtig toller Text, den Du geschrieben hast! Ich konnte fast alles total nachvollziehen und glaube, dass Du genau den richtigen Punkt für den Kinderwunsch erreicht hast.

    Ich hatte immer sehr große Angst davor, dass es vielleicht gar nicht klappen würde und habe mich dann gefragt, wie es wohl weitergehen könnte und ob man sich das Leben nicht kaputt macht dadurch. Irgendwann sind wir gemeinsam zu einem Punkt gekommen, an dem wir gesagt haben: Wir versuchen es jetzt einfach und wenn es klappt, ist es schön. Wenn es aber nicht klappt, dann ist unser Leben ja nicht schlechter als vorher und wir haben immer noch uns und „unsere Welt“, die wir so aufgebaut haben.

    Ich glaube, Deine jetzige entspannte Haltung ist exakt die richtige und ich drücke euch alle Daumen für den nächsten Versuch. Das Leben ist schön – so oder so 🙂

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