Toleranz als Menschenrechtsverletzung?!

Was ist eigentlich Toleranz?

Genauso wie im letzten Jahrhundert Toleranz gegenüber anderen Hautfarben als der eigenen gefordert wurde, wird heute Toleranz gegenüber nicht-heterosexuellen Identitäten gefordert. Aber was ist eigentlich „Toleranz“?

„Toleranz ist die Duldung von unüberwindbaren Differenzen in Fragen des Glaubens oder grundsätzlicher Überzeugungen.“ (Treichel, 2003)

Das heißt, die Mehrheit erlaubt (!) der Minderheit zu existieren. Die Minderheit ist also hochgradig abhängig von sich verändernden Strömungen in der Mehrheitsgesellschaft, da sie nicht als Teil der Mehrheit aufgenommen und akzeptiert ist, sondern lediglich temporär geduldet ist. Die moralische Überlegenheit der Autorität bedeutet eine Duldung der Minderheit, solange diese die Vorherrschaft der Autorität nicht anzweifelt.

Toleranz als gesellschaftlicher Wert?

Hier sehen wir auch ein Problem, welches sogenannte Wertkonservative mit der Ausweitung der Menschenrechte auf Nicht-Weiße, Nicht-Heterosexuelle, Nicht-Christen* oder andere Minderheiten, die nicht der weiß-hetero-christlich-Norm entsprechen, haben: sie dulden Minderheiten gegebenenfalls, haben aber Angst ihre Vorherrschaft zu verlieren. Unter dieser Vorherrschaft ist die weiß-hetero-christliche Mehrheit diejenige, die wohlwollend die ein oder andere Minderheit duldet, ihr aber keinen Platz in der Mitte der Gesellschaft zugesteht sowie die Macht besitzt, den Duldungs-Status jeder Zeit aufheben zu können.

Toleranz stellt also keinen Wert als solchen dar, sondern wird als Instrument genutzt. Zudem ist Toleranz die kostengünstigere Variante zur offenen Bekämpfung einer Minderheit. Sobald die Kosten-Nutzen-Rechnung kippt, wird die Minderheit offen bekämpft. Das sehen wir eindrucksvoll seit der Verabschiedung der Propaganda Gesetze 2013 in Russland. Die homosexuelle Minderheit hatte für 20 Jahre (seit 1993 die Strafbarkeit aufgehoben wurde) einen verbesserten Duldungsstatus und hat diesen mit innenpolitischen Machtverschiebungen und der Angst vor Machtverlust der Elite eingebüßt. Für die politische Machtelite ist es nun kostengünstiger eine Minderheit zu bekämpfen und damit von anderen politischen Problemen abzulenken und so ihre eigene Macht zu sichern.

Deutschland – eine moderne Demokratie?

Nun stellt sich die Frage, wieso in Deutschland – einer modernen westlichen Demokratie mit im Grundgesetz verankerten Menschenrechten – sexuelle Minderheiten noch immer nur einen Duldungsstatus haben.

Nehmen sich hierzulande sogenannte ‚intolerante Personen‘ als in ihrer Mehrheitsautorität verletzt wahr? Inwiefern die Vorherrschaft ihrer Wertvorstellungen bedroht wird soll im Folgenden kurz skizziert werden:

Oft führen Gleichstellungsgegner das bedrohte Familienbild ins Feld. Da nun aber gerade die Ehe für alle eine Familiengründung ermöglichen würde und auch homosexuellen Partnerschaften Einlass in das althergebrachte Familienmodell gewähren würde, fände hier eher eine Bewahrung und Verfestigung von Tradition statt. Schließlich gäbe es dann mehr Familien als vorher, da keine bestehende Familie dadurch aufgelöst, sondern lediglich diejenigen Personen, die niemals eine ‚traditionelle Familie‘ gegründet hätten, da sie beispielsweise eine Person des gleichen Geschlechts lieben, nun ebenfalls Familien gründen könnten.

Auch die Heteronormativität wird durch Gleichstellungsgesetze nicht angekratzt, denn niemand wird dadurch beispielsweise zur Berichterstattung über Nicht-Heteros gezwungen. Lediglich ein Schutz vor Diskriminierung würde verankert. Der zwischenmenschliche Umgang jedoch und das Voraussetzen der Heteronorm würden dadurch nicht verändert. Zu hoffen wäre natürlich, dass ein Signal in die Gesellschaft gesendet würde und vielleicht besteht die Bedrohung genau in dieser Möglichkeit der Veränderung der Heteronorm hin zu einem offeneren Umgang miteinander, die zu den Machtverlustängsten der Traditionalisten* führt.

Unabhängig von jeglicher rechtlicher Gleichstellung bedroht die Existenz von Homosexualität das Männer-Frauen-Bild, bei dem der Mann stärker, klüger, besser sein muss als die Frau. Schließlich beweisen zwei miteinander liierte Frauen, dass sie ohne diesen starken Mann und Patriarchen zurechtkommen. Und was noch viel schlimmer ist in den Augen der ‚bedrohten‘ Traditionalisten: die Beziehung zwischen zwei Männern, da in einer Beziehung immer ein starker und ein schwacher Partner sein müsse – analog zum Männer-Frauen-Bild – und folglich einer der beiden starken Männer schwach sein muss. Dieses Dilemma und die damit verbundene Erkenntnis, dass die männliche Vorherrschaft über die Frau eine erzwungene und keine natürliche ist, rütteln doch sehr am patriarchalischen Weltbild.

Was ist die Alternative zur Toleranz?

Wertschätzung und Respekt gegenüber Menschen, die einer Minderheit angehören, sollten die Grundlage jeder Demokratie sein. Ein Menschenrechtsgewinn der Minderheit durch die Gleichstellung mit der Mehrheit ist somit auch ein Demokratiegewinn für die Mehrheitsgesellschaft.

Die bloße Duldung einer Minderheit kann all ihre Rechte mit einem Fingerschnipp zerstören. So ist selbst eine wertschätzende und respektvolle Toleranz nicht genug, da sie immer noch bloß temporäre Duldung ist. Der einzige minimale Schutz vor dem ‚Fingerschnipp‘ der Mehrheit gegen eine Minderheit wird durch die Gleichstellung vor dem Gesetz erreicht. Dazu gehören die Ehe für alle und eine Änderung des Grundgesetz Artikel 3!

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„Ich bin tolerant.“ ist eine Beleidigung für alle Minderheitengruppierungen, da dieser Satz eigentlich besagt „Ich habe die Macht Dir Rechte zu geben und zu nehmen!“. Niemand darf das Recht haben, einer anderen Person ihre Menschenrechte zu- oder absprechen zu können, denn „Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren.“ (Art. 1 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte.)

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