Lebenspartnerschaft und Ehe – gleich und doch verschieden?!

Landläufig „Homo-Ehe“ genannt, ist die eingetragene Lebenspartnerschaft rechtlich und gesellschaftlich gesehen noch lange keine Ehe. Allerdings ist in beiden genannten Bereichen in den letzten Jahren immer mal wieder ein bisschen Bewegung: 2013 wurde die Lebenspartnerschaft zum Beispiel steuerrechtlich der Ehe gleichgestellt (dass dieses Gesetz in der Praxis technisch noch nicht umgesetzt ist und auch von der Regierung wenig in dieser Richtung forciert wird, wollen wir an dieser Stelle mal außer Acht lassen). Rein rechtlich gesehen gibt es mittlerweile nur noch beim Adoptionsrecht einen Unterschied zwischen der Homo- und der Hetero-Ehe. Auch im gesellschaftlichen Bereich verändert sich die Wahrnehmung: Folgte auf ein öffentliches Coming Out einer berühmten Person vor einigen Jahren noch ein Aufschrei quer durch die Schichten der Gesellschaft, gibt es mittlerweile Film- und TV-Stars, Sportler, Politiker und etliche andere, die ihre Homo- bzw. Bisexualität öffentlich machen und bei denen anschließend kein Skandal mehr aus ihrem Privatleben gemacht wird. Allerdings sorgt im gesellschaftlichen Bereich nicht zuletzt der Name „eingetragene Lebenspartnerschaft“ dafür, dass auch dem Letzten klar ist und bleibt, dass es sich dabei natürlich nicht um eine „richtige Ehe“ handelt.

Warum ist der Name überhaupt wichtig?

Es geht nicht um den Namen als solchen, sondern darum, dass etwas im Grunde gleiches verschieden behandelt wird. Zwei Menschen lieben sich, wollen Verantwortung füreinander übernehmen und ihr Leben in Zukunft gemeinsam verbringen. Weil sie sich gegenseitig verstehen und vertrauen, gerne Zeit miteinander verbringen, füreinander da sind, miteinander lachen können, zusammen Probleme bewältigen und sich einfach gegenseitig glücklich machen.

All diese Aspekte können sowohl in Beziehungen zwischen Mann und Frau als auch zwischen zwei Menschen gleichen Geschlechts gegeben sein. Sind ein Mann und eine Frau all das füreinander, wer würde ihnen das Recht auf eine Heirat absprechen? Und wenn nun zwei Menschen gleichen Geschlechts das gleiche füreinander empfinden? Was kann so wichtig sein, dass jemand anderen Menschen das Recht verweigern will, glücklich zu sein und die Person zu heiraten, die er oder sie liebt? Durch eine Hochzeit signalisiert man der Gesellschaft, dass man zusammen gehört und füreinander in sämtlichen Lebenssituationen einstehen will. Darüberhinaus gibt es Rechte und Pflichten, die man ausschließlich durch eine Heirat bekommen kann. Dabei geht es unter anderem um Rechte im Krankheits- und Sterbefall oder Unterhaltspflichten.

Die zwei verschiedenen Bezeichnungen der Verbindung zweier Personen zwingen jemanden, der in einer eingetragenen Lebenspartnerschaft lebt, sich ständig und überall zu outen, zum Beispiel im Beruf und bei Behördengängen. Ein Outing bedeutet aber trotz aller gesellschaftlicher Fortschritte immer noch ein Risiko. Meist weiß man vorher nicht, wie zum Beispiel der Chef zu diesem Thema denkt. Offiziell darf zwar niemand auf Grund seiner Sexualität im beruflichen Bereich diskriminiert werden, aber es gibt leider nicht nur offene Diskriminierung, sondern auch versteckte, die meistens für die Betroffenen sogar noch schlimmer ist. Übrigens ist es ein großes Anliegen des Lesben- und Schwulenverbands Deutschland (LSVD), das Verbot von Diskriminierung auf Grund der Sexualität in Artikel 3 des Grundgesetzes aufzunehmen, sodass der Schutz vor Diskriminierung nicht von einer einfachen Regierungsmehrheit über den Haufen geworfen werden kann (http://www.artikeldrei.de). Aber das nur nebenbei. Der Name „eingetragene Lebenspartnerschaft“ an sich ist also nicht wichtig, sondern das schon in den Menschenrechten verankerte Recht aller Menschen auf Freiheit und Gleichheit, das durch diese unterschiedliche Bezeichnung nicht gewährleistet ist.

Das Thema Kinder

Ein Argument, das viele Gegner der Gleichstellung Homosexueller immer wieder anführen, ist, dass aus Geschlechtsverkehr zwischen gleichgeschlechtlichen Partnern keine Kinder entstehen können und dass es deshalb nicht „natürlich“ sei. Allerdings erfolgt Sex zwischen Partnern verschiedenen Geschlechts auch nicht immer mit dem Ziel, ein Kind zu zeugen. Geschlechtsverkehr ist sehr individuell und variiert zwischen allen Paaren – unabhängig von ihrer Geschlechterkombination. Das Gute ist, dass jeder das tun kann, was ihm gefällt, solange dadurch niemand zu Schaden kommt. Also kurz gefasst, ein Heterosexueller muss nicht verstehen, was einem homosexuellen Paar an seinem Sex gefällt und umgekehrt, genauso wenig wie er verstehen muss, dass einem anderen heterosexuellen Paar eine bestimmte Sexpraktik zusagt. Aber zurück zum Thema Kinder: Immer noch wachsen viele Kinder in „Familien“ auf, in denen sie vernachlässigt oder misshandelt werden. Immer noch werden Neugeborene auf der Straße ausgesetzt oder spüren in ihrer gesamten Kindheit, dass sie nicht erwünscht sind.

Für die körperliche und seelische Entwicklung eines Kindes sind die Liebe der Erziehungsberechtigten sowie Fürsorge durch dieselben essentiell wichtig. Dies ist sogar in Artikel 6 unseres Grundgesetzes verankert.

In Deutschland leben 20% aller Kinder bei Alleinerziehenden, 50% in Patchworkfamilien (ein leiblicher Elternteil wurde durch eine andere Person ersetzt) und 1% in Regenbogenfamilien (zwei gleichgeschlechtliche Personen sorgen für das Kind). Folgt man der Argumentation der Adoptionsgegner homosexueller Paare, müsste es diesen über 70% der Kinder schon allein der Familienkonstellation wegen an Liebe und Fürsorge fehlen. In Bezug auf Kinder in Regenbogenfamilien kann man festhalten: Für ein gleichgeschlechtliches Paar sind die Hürden, die auf dem Weg zu einem gemeinsamen Kind überwunden werden müssen, sehr hoch. Alle diese Kinder sind somit Wunschkinder und haben deshalb hohe Chancen, später auch geliebt und unterstützt zu werden. Rechtlich gesehen haben sie allerdings gegenüber ihren Freunden und Klassenkameraden, die mit zwei verschieden geschlechtlichen Elternteilen aufwachsen, einige Nachteile: Als Beispiel soll hier der Fall zweier Frauen dienen, die zusammen ein durch Samenspende aus dem Ausland entstandenes Kind großziehen. Im Fall der Fälle hätte die nicht-leibliche Mutter, die im Leben des Kindes eine ebenso große Rolle spielt wie die leibliche Mutter, beispielsweise keinerlei Auskunftsrecht im Krankenhaus. Darüber hinaus wäre es im Todesfall der leiblichen Mutter sehr unwahrscheinlich, dass das Kind bei der nicht-leiblichen Mutter bleiben dürfte. Ihm würde also nach dem Verlust der einen Bezugsperson auch noch die andere genommen. In Deutschland ist es unserem Beispielpaar möglich, eine Stiefkindadoption zu beantragen, die die nicht-leibliche Mutter wenigstens teilweise im Leben des Kindes verankert und so einige der rechtlichen Nachteile ausgleicht. Ob und wann diese allerdings genehmigt wird, steht oft in den Sternen…

Und was hat das alles mit MIR zu tun?

Einer der Hauptgründe, der viele homo- und bisexuelle Menschen von einem Coming Out zurückschrecken lässt, ist die Tatsache, dass sie von vielen in der Gesellschaft danach nicht mehr als die gesehen werden, die sie sind, sondern dass jedes ihrer Worte, jede Handlung und jede Eigenschaft im Hinblick auf ihre Sexualität interpretiert und bewertet wird. Die Sexualität ist jedoch kein Teil des Charakters eines Menschen. Eine Person, die zum Beispiel ein guter Gesprächspartner, kompetenter Ansprechpartner im Beruf und leidenschaftlicher Autoschrauber ist, dafür aber ziemlich unpünktlich ist, beim Inline-Skaten ständig hinfällt und ein eher schlechter Koch ist, verliert diese und sämtliche weitere Eigenschaften nicht plötzlich, weil zum Beispiel ein Kollege von seiner Sexualität erfährt. Plötzlich fällt es aber oft schwer, ein Gespräch mit dem Kollegen in Gang zu halten, weil man in eine Schublade gesteckt wird, die mit Klischees besetzt ist, mit denen sich die wenigsten identifizieren können. Es gibt homosexuelle Handwerker(innen), Fußballer(innen), Manager(innen), Postbot(inn)en, Pilot(inn)en, Friseur(inn)e(n), und so weiter. Die wenigsten von ihnen verbringen ihre Freizeit im Tiger-String tanzend auf einem Wagen. Genau dieses Bild haben aber viele vor Augen, wenn sie sich „einen Schwulen“ vorstellen. Sie alle haben Eigenschaften und Hobbies, die sie ausmachen und die nicht von ihrer Sexualität abhängig sind. Die sich vor allem auch nicht dadurch ändern, mit wem sie liiert sind. Deshalb ist es wichtig, dass Menschen, die in einer Beziehung zu einem gleichgeschlechtlichen Partner leben, im Alltag der „Heteros“ präsent sind. Und zwar nicht indem darüber spekuliert wird, ob man bei einem schwulen Mann feminine Züge erkennen kann oder ähnliches, sondern indem zum Beispiel einfach mal erzählt wird, dass ein Bekannter und sein Mann sich zu einem tollen Zinssatz ein Haus gekauft haben und dass die Zeiten gerade total günstig für einen Hauskauf sind. Wie man das eben beim Smalltalk auch über ein heterosexuelles Paar erzählen würde. Vor allem Kindern gegenüber ist es wichtig zu signalisieren, dass die Lebensform „Mutter-Vater-Kind(er)“ nicht die einzige ist, die es gibt. Wahrscheinlich hofft kein Elternteil, dass sein Kind homosexuell ist. Schon allein aus dem Grund, weil man sich für sein Kind möglichst wenig Probleme und Schwierigkeiten im Leben wünscht. Durch Aufklärung wird jedoch kein heterosexueller zu einem homosexuellen Menschen. Doch sie kann dafür sorgen, dass es für die Homosexuellen von morgen ein wenig angstfreier wird, sich zu outen und damit die Chance auf ein glückliches und erfülltes Leben jenseits von Heimlichkeiten und Verstecken zu haben.

Signalisiert die Gesellschaft; und für ein Kind viel wichtiger: signalisieren die Eltern im Laufe der Kindheit und Jugend immer einmal wieder, dass Homosexualität für sie nichts positiveres oder negativeres ist als Heterosexualität, so eröffnen sie ihrem Kind die Möglichkeit, sich ihnen anzuvertrauen und den schwierigen Prozess der Selbsterkennung und eines eventuellen öffentlichen Coming Outs durch vertrauensvolle Gespräche gemeinsam zu meistern. Und ist nicht gerade dieses Gemeinsame der Kern der abendländlichen, christlichen Tradition? Wenn ein Kind bzw. ein Jugendlicher in der Selbstfindungsphase bei seinen Eltern Unterstützung findet, werden diese immer ein wichtiger Teil in seinem Leben sein. Und auch wenn keines der eigenen Kinder selbst homo- oder bisexuell ist, können sie später einem Freund oder einer Freundin die Unterstützung geben, die demjenigen vielleicht in der eigenen Familie fehlt, und so dabei helfen, auch jenen Kindern eine Chance auf ihr Recht zur vollen Entfaltung der Persönlichkeit zu geben (Art. 2, Grundgesetz).

Ein Zitat zum Schluss

„Rassismus, Homophobie, Antiziganismus, Islamophobie, Antisemitismus und alle anderen Formen der gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit haben mit Meinungsfreiheit nicht das Geringste zu tun.“ (Claudia Roth, 18.02.2014)

Dieser Text erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit und wurde nach bestem Wissen und Gewissen erstellt.

Weiterführende Links:

„Ich fände es seltsam, wenn mein Vater eine Freundin hätte“, Interview mit Kindern homosexueller Eltern, Süddeutsche Zeitung Magazin, Feb. 2013

http://sz-magazin.sueddeutsche.de/texte/anzeigen/39323

„Warum bin ich nicht heterosexuell?“, Interview mit der Journalistin Carolin Emcke, taz, 27.01.2014

http://www.taz.de/1/archiv/digitaz/artikel/?ressort=tz&dig=2014/01/27/a0107

„Warum auch Homo-Paaren Adoptionen erlaubt werden sollten“, Tagesspiegel, 30.01.2014

http://www.tagesspiegel.de/meinung/familienrecht-warum-auch-homo-paaren-adoptionen-erlaubt-werden-sollten/9404982.html

„Auch die Heteros profitieren“

Gastbeitrag von Claudia Roth, Die Zeit, 20.01.2014

http://www.zeit.de/gesellschaft/2014-01/homosexualitaet-gleichstellung-gesellschaft-claudia-roth

Lesben- und Schwulenverband Deutschland (LSVD)

http://www.lsvd.de

Videos zum Thema:

„Imagine a world where being „Gay“ the norm & being „Straight“ would be the minority!

http://www.youtube.com/watch?v=CnOJgDW0gPI. (Achtung: schockierende Bilder!)

http://www.welt.de/debatte/kommentare/article124979236/Ueber-Homosexualitaet-darf-man-nicht-streiten.html. 18.02.2014.

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